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Mütterliches, Väterliches

Datierung: 1968–1972

Künstler/in: Bruno Gironcoli (1936 Villach – 2010 Wien)

Objektart:Skulptur
Material/Technik: Polyester, Holz, Lack, Metall
Maße:
Gesamt: 268 × 560 × 285 cm
Vitrine: 240 × 211 × 82 cm
Sockel 1: 29 × 256 × 90 cm
Sockel 2: 29 × 90 × 72 cm
Skulptur 1: 126 × 192 × 67 cm
Skulptur 2: 52 × 80 × 37 cm
Halbkreis 1: 10,5 × 250 × 285 cm
Halbkreis 2: 21 × 250 × 125 cm
Figur 1 (mit Löffel): 176 × 57 × 19 cm
Figur 2: 176 × 57 × 19 cm
Zunge: 15 × 42 × 23 cm
Kopf Figur 1: 20 × 48 × 20 cm
Kopf Figur 2: 34 × 57 × 24 cm
Schirm: 114 × 50 × 50 cm
Signatur: Unbezeichnet
Inventarnummer: 9244
Standort: Derzeit nicht in der Schausammlung
Inventarzugang: 1996 Ankauf Galerie Krinzinger, Wien
Beschreibung

"Mütterliches, Väterliches" zählt zu einer größeren Werkgruppe mit gleichem Titel. In der für Gironcoli typischen Stellung des Gegenübers werden zwei Teile eines monumentartigen Objektarrangements miteinander konfrontiert. Der größere der beiden bildet eine Vitrine, die auf einem flachen Sockel aufsitzt. In der Vitrine befinden sich – dicht gedrängt – Objekte in der Art skulpturaler Zwitterwesen, die sich aus gegenständlichen und abstrakten Zeichen zusammensetzen. Durch ihre Rundungen und Schwellungen erinnern diese Gebilde ein wenig an organische Formen oder kühne Designvorstellungen der Moderne.

Doch Gironcoli zitiert hier nicht allein die Anonymität des Artifiziellen. Das löffelartige Objekt im Inneren der Vitrine ist ein wiederkehrendes Kernmotiv in seinem Schaffen, – er bezeichnet den abgeknickten Winkel als „Mutterfigur“ – womit angedeutet wird, dass auch Menschliches angesprochen wird. Ein ergonomischer Körper hat auf seiner Unterlage, die auf der Rückseite flach beschnitten ist, Platz genommen.

Dem gegenüber, auf der anderen Seite der Inszenierung, nur durch einen auf dem Boden liegenden Reifen verknüpft, stehen zwei Stelen die das Anthropomorphe verstärkt kenntlich machen. Gironcoli geht es – wie er sagt – darum, die Architektur des Körpers zu zeigen. Die Stelen sind frei zugänglich und nicht durch einen Glassturz geschützt wie ihr vis-à-vis. Deren kräftige Volumen und charakteristische Polyestergussform steht ihr additiver, collageartiger Aufbau gegenüber. Wie parallel stehende oder gehende Körper, die um das Vitrinenobjekt kreisen, scheinen die beiden die größere Skulptur zu betrachten und damit einen Dialog zu eröffnen. Gironcoli unterstützt diesen Eindruck durch ihre andere Form. Obschon ihre Köpfe aus demselben silbrigen Material hergestellt sind wie die „Mutterfigur“, wirken sie durch ihre Attribute (z. B. zylinderförmige Augen) assoziativer – und durch den Regenschirm – (die die Formauflösung der Vitrine paraphrasieren) in gewisser Weise auch realistischer.

Der Titel der Arbeit spricht Geschlechtlichkeit in ihrer Polarisierung an. Diese betrifft aber nicht nur das Paar, sondern auch das Verhältnis von Ausstellungsstück und Besucher. Der bedrohliche Zusammenhang von maschinellem und sexuellem Vokabular bzw. von Sehen und Gesehen ist dafür ausschlaggebend – auch der Gegensatz von kühler Rationalität und karikierender Beobachtung. Vor allem diese Gegenüberstellung von Vitrinenobjekt und „Museumsbesucher“ birgt aber auch einen heimlichen, ironischen Witz – ähnlich jenem von Duchamps großartiger Junggesellenmaschine, die als Vorbild wohl Gironcolis ganzes Schaffen begleitet.

[Thomas Trummer, 1996]

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Werke von: Bruno Gironcoli (1936 Villach – 2010 Wien)
Stilistische Epoche:Zeitgenössische Kunst
Objektart:Skulptur