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Der Schaafkopf

"Charakterkopf" Nr. 17
Datierung: 1777/1783

Künstler/in: Franz Xaver Messerschmidt (1736 Wiesensteig – 1783 Pressburg/ Bratislava)

Objektart:Büste
Material/Technik: Braun gefleckter Alabaster
Maße:
43 × 23 × 32 cm
Signatur: Unbezeichnet
Inventarnummer: 5509
Standort: Oberes Belvedere
Provenienz: 1921 Dorotheum, Wien (?). – Margarethe Stonborough-Wittgenstein, Wien. – 1958 Thomas Stonborough, Wien
Inventarzugang: 1962 Ankauf Thomas Stonborough, Wien
Beschreibung

Seine Benennung als „Der Schaafkopf“ hat diese Büste – sowie beinahe alle anderen Objekte aus der Serie der „Charakterköpfe“ – erst nach dem Tod Franz Xaver Messerschmidts erhalten. Konkreter Anlass dafür war eine Ausstellung dieser Werkgruppe im Wiener Bürgerspitalhaus, wobei die Köpfe für den begleitenden, 1793 erschienenen Katalog mit teilweise obskuren Bezeichnungen versehen wurden. Ein Gipsabguss vom Beginn des 19. Jahrhunderts, der im Auftrag des Fürsten Liechtenstein entstanden ist, ist durch eine 1906 publizierte Fotografie von Josef Wlha überliefert.

Hier streckt uns ein älterer, kahlköpfiger Mann sein Haupt entgegen. Seine Augen sind weit aufgerissen, sodass sich an der Stirne tiefe Falten bilden, und seine Lippen sind eng zusammengepresst. Im Ausstellungskatalog von 1793, der von Franz Strunz verfasst wurde, heißt es dazu: „Ein Schaafkopf! Ein wahrer ächter und gestempelter Einfaltspinsel. Sehr dumm – doch – hämisch und tükisch ohne alle Absicht. Wie ein Kind bald zum Lachen – bald zum Weinen in weniger als einer halben Minute gestimmt. Ganz unbrauchbar zu jedem Geschäft, aber immer geschäftig und zudringlich um nichts zu thun, oder eine jede Handlung kindisch zu bezeichnen; daher sehr lästig, und doch ein merkwürdiger Gegenstand für die Toleranz.“

Das hier beschriebene Lachen und Weinen in mitunter raschem Wechsel vermag den heutigen Betrachter jedoch nicht zu überzeugen. Zu sehen ist ein Mensch in äußerster Anspannung, wobei die Mimik noch durch deutlich hervortretende Muskulatur am Hals unterstrichen wird. Lediglich beim „Zweiten Schnabelkopf“ kommt es noch zu einer deutlichen Steigerung und Entfernung vom natürlichen Aussehen des Menschen.

Vielleicht haben wir hier das Abbild eines an Dystonie leidenden Menschen vor uns. Dabei handelt es sich um eine extrapyramidale Nervenkrankheit, die sich oft durch Verkrampfungen – etwa im Gesicht – äußert. Dieser Zusammenhang wurde erst in jüngerer Zeit von dem Psychiater Michal Maršalek erkannt und von Maria Pötzl-Malikova als Interpretationsmöglichkeit aufgegriffen.

[Georg Lechner, 10/2015]

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Werke von: Franz Xaver Messerschmidt (1736 Wiesensteig – 1783 Pressburg/ Bratislava)
Stilistische Epoche:Spätbarock
Objektart:Büste